How to Hitchhike

Geschichten von der Straße: Europa

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Uddebo, Schweden nach Bologna, Italien über Prag, Tschechien (3400 km)

Es war ein entspannter Tag. Anna, Angela und ich hatten auf der kleinen Insel Fejø gut gefrühstückt und waren dann zu einem Fährhafen im Süden Dänemarks gefahren worden. Peter, ein wahnsinnig netter Auswanderer aus England hatte uns eingeladen, bei ihm zu übernachten, und uns zum Hafen gefahren, wo es ihm schwerfiel, sich von uns zu trennen.

„Wenn heute alles gut geht“, fragte er uns, „wie weit fahrt ihr dann?“

Und dann, einen Augenblick später: „Ich könnte euch nach Berlin fahren, wenn ihr wollt.“

Wir lachten und lehnten dankend ab.

„Wenn wir es heute noch bis Berlin schaffen würden, wäre das wirklich zu viel des Guten. Wir würden ja gar nicht wissen, was wir anfangen sollten!“

Wir versuchten dann, auf die Fähre zu trampen, aber das Hafenpersonal schickte uns relativ schnell weiter, also zahlten wir regulär als Fußpassagiere. Als wir abgelegt hatten, fingen Anna und Angela an, Leute anzusprechen und zu fragen, ob sie uns mitnehmen würden, während ich, der ich nicht über dieselben weiblichen Überredungskünste (oder vielleicht eher: den nötigen Mut) verfügte, bei unserem Gepäck wartete.

Am Ende der Überfahrt hatten sie zwei verschiedene Autos gefunden, deren Fahrer*in Tramper mitnehmen wollte, aber in keinem der beiden war Platz für drei zusätzliche Personen, also trennten wir uns und verabredeten, uns am Bahnhof von Lübeck wiederzutreffen, eine Station, die auf dem Weg beider Fahrzeuge lag. Meine Reise verlief eher ereignislos: Ich verstand mich gut mit dem Fahrer, einem jungen Bergsteiger, der von einer Wanderung in Schweden zurückkehrte. Es war sehr leicht, ein Gespräch in Gang zu bringen. Er arbeitete als Planer für Tomatentreibhäuser im industriellen Maßstab. „Wir würden weniger Energie verschwenden, wenn alle Tomaten, die wir in Europa bekommen, in Marokko angebaut und dann hierher transportiert würden“, sagte er. „Du hast ja keine Ahnung, wie viel Energie es kostet, in einem ungeeigneten Klima Tomaten anzubauen.“

Lübeck war sehr warm und voller Touristen, also entschlossen wir, uns unser Abendessen zu verdienen, indem wir auf der Straße Musik machten. Unsere kleine Reiseband sah folgendermaßen aus: Anna und Angela, die wunderschöne Harmonien zusammen sangen, Anna, die auf der Gitarre abging, und mir. Ich verwendete die meiste Zeit meine eigene Gitarre als seltsames Rhythmusinstrument, wie ein Kind, dem man etwas in die Hand gedrückt hat, damit es sich beschäftigt, während die Erwachsenen die echte Arbeit übernehmen. Nichtsdestotrotz: Anna und Angela hatten schöne Stimmen und wir wurden von den Passanten im Allgemeinen sehr positiv aufgenommen.

Zusammen aufzutreten war ein schöner Moment auf unserer Reise, und ich beschloss, ihn fotographisch festzuhalten. Meine Bemühungen wurden jedoch unterbrochen, und zwar von einem jungen Mann, der aus dem Strom der Passanten hervortrat und eine Kette überraschend weich klingender, deutscher Silben ansprach.

„I speak English“, sagte ich verschämt, wie meistens in solchen Situationen.

„That’s good“, sagte er. „Have you got a place to stay tonight?“ sein Englisch war so gut wie akzentfrei.

„We’re camping“, sagte ich.

„You can stay at my place, if you want“, sagte er.

Ich schaute ihn einen Moment lang an. Sein Gesichtsausdruck war neutral, aber er sah nett aus. Er schien von seinem Angebot distanziert: Es würde ihn nicht stören, wenn wir ablehnten. Das gefiel mir. Es war ein ehrliches Angebot, ohne Hintergedanken.

„Komm, ich stelle dir die Mädels vor“, sagte ich.

Er stellte sich als Torsten vor, und nahm uns mit in seine Wohnung, wo wir seine Freundin kennenlernten und unser Gepäck abstellten. Torsten lebte bei seinem biologischen Vater, einem Mann, den er erst kennengelernt hatte, als er schon 18 war. Seitdem hatten sie sich eher auf freundschaftlicher Basis kennengelernt, als als Vater und Sohn, und er beschrieb seien Vater auch öfter als seinen Mitbewohner. Aber Torsten sprach mit tiefer Zuneigung von seinem „Mitbewohner“, und ich fragte mich, wie viele Menschen es wohl gab, die ihren Vater so ehrlich auch als ihren Freund bezeichnen konnten. Seine Freundin sprach gut Englisch und hieß uns ohne Umschweife willkommen. Angela, Anna und ich entschieden, ein großes Essen für alle zu kochen, um uns für die Gastfreundschaft zu bedanken, und Torsten konterte unser Angebot, indem er sagte, er wolle uns zuerst Lübeck zeigen.

Torstens Mutter war Touristenführerin gewesen, und er war, was seine Heimatstadt anging, ein wandelndes Lexikon. Obwohl wir schon viel von Lübeck gesehen hatten, während wir einen Platz zum Musikmachen suchten, machte Torsten uns auf tausend kleine Dinge aufmerksam, die wir verpasst oder ignoriert hatten. Er zeigte uns, wo die Stadt im zweiten Weltkrieg Sprengsätze an allen Brücken angebracht hatte, falls sie von den Alliierten angegriffen wurde. Er erklärte, dass in Lübeck das beste Marzipan der Welt hergestellt wurde, und dass die vielen Geschäfte jedes Jahr in einem Wettkampf feststellten, wer die kunstvollste Marzipanskulptur gebaut hatte. Er erzählte uns von den sieben Kirchen in Lübeck und ihren Geschichten und Legenden. Hinter jeder Ecke schienen in dieser Stadt Geheimnisse zu warten, die er uns eines nach dem anderen erklärte. Als es dunkel geworden war, stieg er mit uns auf die höchste Ebene eines Parkhauses, von wo aus wir über die erleuchteten Dächer der Stadt schauen konnten.

Ich hatte noch nie vorher von Lübeck gehört. Ich hätte nie einen Besuch geplant. Und es war so ein schöner, interessanter Ort! Wie viele andere solcher Orte es da draußen wohl gab, die allesamt nur darauf warteten, dass wir sie entdeckten?

„Danke, dass ihr mir so leicht vertraut habt“, sagte Torsten später. „Ich hatte Angst, dass ich es zu früh angeboten habe.“

„Ich wusste sofort, dass du ein guter Mensch bist“, sagte ich.

Aber das stimmt nicht. Wir waren ein Risiko eingegangen, indem wir ihm vertrauten. Und waren reich belohnt worden.


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Written by
Chris Drifte
Chris Drifte
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Translated by
Lena Kraus
Lena Kraus
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Lena is a writer, editor, and literary translator with connections to Germany, Cornwall and Norway. She lives by the North Sea in Scotland, where she is working on her first novel. She is the founder and Editor-in-Chief of Hillfire Press and the Managing Director of The Selkie. Her writing has been published in Riptide Journal, From Arthur’s Seat and in the Together Anthology. When she is not at her desk, she can usually be found paddling to the Bass Rock and back.